Leseprobe Lenny und die Liebe

Hier findet ihr die Leseprobe zu meinem aktuellen Roman »Lenny und die Liebe«. Achtung: Es handelt sich um ein unlektoriertes Manuskript! Fehler dürft ihr gern behalten, sie werden bis zur Veröffentlichung noch ausgemerzt. Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß! Weiter unten findet ihr die Leseprobe auch als PDF-Dokument zum runterladen.

1

»Boah, Lenny, warum willst du denn nicht?«, versucht Max zum gefühlt hundertsten Mal, mich umzustimmen. Seit zwei Wochen nervte er mich jetzt. Zwei Wochen, in denen er eifrig die Stufenparty vorbereitet hatte. Er hatte unsere Stufenkoordinatorin „becirct“, um die Aula der Schule sogar in den großen Ferien nutzen zu dürfen. Er hatte Leute für Getränke, Deko und Musik zusammengetrommelt. Diese Schulparty sollte sein Meisterstück werden, hatte er verkündet. Und nun hatte ich keinen Bock.

»Was soll ich da, Max? Mal ganz im Ernst? Der Großteil der Idioten kann mich eh nicht leiden – was ja bekanntlich auf Gegenseitigkeit beruht. Warum sollte ich also einen ganzen Abend auf engstem Raum mit ihnen verbringen?«

Seufzen und Augenverdrehen von Max. »Weil’s lustig wird. Wir hängen ab, es läuft gute Mukke und vielleicht krieg‘ ich dich sogar dazu, ein Bier zu trinken.«

»Lustig, is‘ klar. Ich werd‘ den halben Abend irgendwo in der Ecke stehen und versuchen, mich nicht vor versammelter Mannschaft zum Horst zu machen. Super lustig.«

»Okay, Lenny, dann muss ich jetzt meine letzte Karte ausspielen.« Max versucht sich an einer tiefen Stimme. Nicht, dass das funktionieren würde. Mein Schulkumpel scheint nie im Stimmbruch gewesen zu sein. Aber seit wann tut Max so geheimnisvoll? Das sieht ihm nicht ähnlich, eigentlich fällt er immer mit der sprichwörtlichen Tür ins Haus.

»Deine was?«, erwidere ich also. Irgendwas zwischen genervt und desinteressiert. Max muss ja nicht wissen, dass ich neugierig bin.

»Meine letzte Karte. Weißt du, wer seit ein paar Tagen zurück aus Australien ist und unter Garantie zur Party kommt?«

Die Röte, die mir ins Gesicht kriecht, verrät mich sofort. Vor Unglauben reiße ich die Augen weiter auf als nötig. »Nä!«, mache ich wenig wortgewandt. Ich weiß genau, wen er meint. Es gab nur eine Person in unserer Stufe, die in Australien gewesen war. Ein ganzes Jahr lang.

»Tina.«

Er weiß, dass er mich damit hat. Tina, die Einzige aus unserer Stufe, die ich wirklich gerne sehen würde. Deswegen hat er sich diese Info auch bis zum allerletzten Moment aufgehoben. Seufzen, Augenverdrehen, dieses Mal bei mir. Max grinst mich an, weiß, dass ich mich geschlagen gebe. Ich würde also auf eine dieser verhassten Stufenpartys gehen, auf denen sich grundsätzlich alle betranken.

Ich stehe nun also schon den ganzen Abend hier rum. Die anderen trinken Alkohol und tanzen. Quatschen über Themen, die mich einen feuchten Scheißdreck interessieren. Aus den Boxen erklingt der aktuelle Sommerhit „Despacito“. Spanisch. Ich verstehe kein Wort und finde des Song auch nicht besonders gut. Dann sehe ich, zuerst aus dem Augenwinkel, dass jemand zur Tür hereinkommt. Jemand. Als ob. Natürlich ist es Tina. Sie hat sich den großen Auftritt bewahrt und kommt als Allerletzte zur Party. Die letzte halbe Stunde hatte ich damit verbracht, die Tür zu beobachten und auf sie zu warten. Nun ist sie da und mir stockt der Atem. Das Austauschjahr am anderen Ende der Welt hat ihr wirklich gutgetan, das sehe ich sofort. Okay, sein wir ehrlich: Eigentlich sieht sie aus wie immer. Außer, dass sie irgendwie selbstbewusster und entspannter wirkt. So, als würde sie der ganze Schulscheiß nicht die Bohne interessieren. Und ihre Haare waren länger geworden. Ist es komisch, dass mir das sofort auffällt? Ich merke, dass ich meinen Blick nicht von ihr abwenden kann. Sie lächelt, winkt einigen Freundinnen zu. Dann streicht sie sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn.

Jetzt oder nie!, denke ich bei mir und beginne, mit selbstbewussten Schritten auf sie zuzugehen. Woher ich dieses Selbstbewusstsein nehme, ist mir schleierhaft. Plötzlich ist es einfach da. In Gedanken lege ich mir die richtigen Worte zurecht. »Hey Tina, willkommen zurück!« erscheint mir passend. Dazu eine Umarmung. Oder doch lieber Hände schütteln? Winken? Die Röte kriecht mir in die Wangen, begleitet von der altbekannten Hitze, die bis in die Ohren vorrückt. Die Geräusche um mich herum verkommen zu einem dumpfen Hintergrundrauschen. Das Lied hat gewechselt, doch ich kann nicht sagen, was nun läuft. Einen Rückzieher zu machen kommt nicht mehr in Frage, schließlich laufe ich gerade mitten durch den Raum zu ihr hin. Alle sehen mir zu!

Während ich also so laufe und ganz in Gedanken bin, spüre ich plötzlich einen Zug an meiner Jeans. Scheiße!, ist mein erster und einziger Gedanke. Ich sehe, wie der elende Max nach links wegläuft. Ich gerate ins Straucheln, stolpere über meine eigenen Füße und lege mich, natürlich direkt vor der süßen Tina, richtig auf die Fresse. Max, das elende Arschloch, hatte mir die Hose bis zu den Knöcheln heruntergezogen. So liege ich also da, in Boxershorts vor der versammelten Stufe. Schmerz durchzuckt mich, wenigstens hatte ich den Sturz mit meinen Händen halbwegs abfangen können, sonst wäre ich glatt auf mein Gesicht geknallt. Knie, Handflächen, Ellenbogen tun weh. Wahrscheinlich werde ich mit ein paar blauen Flecken belohnt. Langsam lässt der Schmerz etwas nach und ich blicke auf. Von Tinas Stiefeln über ihren Rock und die Bluse bis zu ihrem Gesicht. Sie grinst mich an.

»Hi Lenny. Kein bisschen geändert, was?«

Es ist wie der Moment, wenn eine Nadel über die Schallplatte kratzt. Eine Sekunde ist es still. Nicht mal die Musik läuft. Dann, als hätten sie darauf gewartet, bricht meine gesamte Stufe in schallendes Gelächter aus. Es ist einer von diesen Momenten, bei denen man am liebsten im Erdboden versinkt. Einfach ein kleiner Riss, man rutscht rein, die Erde schließt sich und tschüss. Gelächter, Mitschüler, Peinlichkeit – weg. Das wäre schön. Ich seufze und kann den Blick doch nicht von Tina abwenden. Endlich bringe ich es über mich, ihr hi zu sagen und was ernte ich? Gelächter, Hohn, Spott und blaue Flecken. Hätte ich mir ja vorher denken können!

»Na, komm«, murmelt sie nun und hält mir die Hand hin. Ich bin kurz verwirrt. Tina hilft mir? Trotzdem zögere ich nicht lange, sondern ergreife die sprichwörtliche helfende Hand und rappele mich hoch. Hm, ihre Haut ist weich. Angenehm. Daran könnte ich mich gewöhnen. Als ich stehe, lasse ich schnell Tinas Hand los, um endlich diese vermaledeite Hose wieder hochzuziehen. Ich lasse meinen Blick schweifen und sehe, dass ein Großteil meiner Stufe immer noch glotzt und lacht. Schließlich trifft mein Blick den von Tina. Sie sieht mich mit gerunzelter Stirn an und wirkt fast besorgt.

»Alles okay?«, fragt sie leise.

»Mensch Tina, nun lass ihn doch!«, ruft eine ihrer Freundinnen dazwischen, ehe ich antworten kann.

»Linda, halt die Klappe!«, erwidert sie laut. Langsam verstummen die letzten Lacher. Tina gibt ihnen auch nicht das Gefühl, als würde sie sich über mich lustig machen wollen, fällt mir auf. Nach und nach wenden die anderen sich wieder ihren eigenen Gesprächen zu. Dann richtet Tina wieder das Wort an mich. »Lenny?«

Ich muss kurz überlegen, was die Frage gewesen war. Ob alles okay war? Ich nicke, weil ich meiner Stimme wirklich noch nicht wieder traue.

»Okay«, sagt sie.

»Hallo, Tina!«, ertönt eine ungeduldige Stimme. Sie nervt. Ich will nicht, dass sie Tina und mich unterbricht. Hier entwickelt sich vielleicht wirklich so etwas wie ein Gespräch! Also, sobald ich meine Stimme wiederfinde.

»Willst du den Loser nicht mal langsam in Ruhe lassen?« Schon wieder eine ihrer Freundinnen. Ich wünsche mir, sie würden alle die Klappe halten. Doch Tina beachtet sie gar nicht.

»Willst du abhauen?«, fragt sie mich stattdessen. Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich völlig überrumpelt. Dann nicke ich. Natürlich! Nichts ist mir in diesem Augenblick lieber, als diese dämliche Party mit all diesen dämlichen Arschlöchern zu verlassen!

»Gut!«, erklärt Tina bestimmt und greift nach meinem Arm. Mit sanftem Druck zieht sie mich mit sich und von der gaffenden Meute weg. Mit einem Ruck stößt sie die Tür auf und geht ins Freie. Warme Sommerluft empfängt uns. Wir gehen weiter. Tina hält erst an, als wir bereits an der Straße und einige Meter entfernt von der Schule sind.

»Okay, Lenny. Jetzt nochmal: Ist wirklich alles okay mit dir?«, fragt sie und sieht mich dabei eindringlich an. Wow, sie kann echt beharrlich sein.

Ich nicke, zum keine Ahnung wievielten Mal an diesem Abend.

»Kannst du bitte mal mit mir sprechen?«

Ich muss mich räuspern, damit meine Stimme wieder in Gang kommt. »Ja, alles okay, danke.«

Sie macht eine wegwerfende Handbewegung.

»Im Ernst. Du hättest auch lachen können wie alle anderen und dann zu deinen Freundinnen abzischen.«

»Zu den fiesen Zicken? Bloß nicht! Und das war einfach ‘ne Scheiß-Aktion von Max. Vor versammelter Mannschaft. So ein Arsch.«

Ich zucke die Schultern. Ich bin sowas von Max gewöhnt, er macht mich immer wieder zum Affen. Meistens stört es mich gar nicht. Die Meinung der anderen ist mir ziemlich egal. Max ist zwar der Einzige aus unserer Stufe, mit dem ich sowas wie befreundet bin – aber auch nur in der Schule. Privat treffen wir uns so gut wie nie. Ich bin mehr oder weniger der Außenseiter. Heute bin ich Max sogar fast dankbar für seine Scheiß-Aktion, weil ich so mit Tina allein sein kann. Mit der süßen Tina, mit der ich seit geschlagenen fünf Jahren so gern ein Date haben wollte.

»Und, was machen wir nun?«, fragt sie und sieht mich wieder offen an. Ich zucke die Schultern. Woher soll ich das wissen?

»Mein Plan war’s ehrlich gesagt, einfach hallo zu sagen und wenigstens zwei Sätze mit dir zu wechseln heute Abend«, gebe ich zu. Sie lächelt. Es ist nicht höhnisch, wie ich es von den Mädels aus unserer Stufe kenne, sondern freundlich. Kurz hatte ich Angst gehabt, dass sie meine Ehrlichkeit peinlich findet, aber so scheint es erstmal nicht.

»Gut, also die zwei Sätze haben wir ja jetzt schon hinter uns. Wollen wir vielleicht noch irgendwo was trinken gehen? Vielleicht irgendwo, wo‘s nicht so laut ist?«

Ich denke kurz nach, dann nicke ich. Mir fällt da sofort etwas ein. Dieses Mal greife ich nach ihrem Arm und ziehe sie mit.

Eine Weile laufen wir schweigend nebeneinander her. Der Abend ist warm, obwohl die Sonne schon verschwunden ist. Von der Schule bis zu meiner Stammkneipe sind es etwa zehn Minuten zu Fuß. Zuerst denke ich über ihre Worte nach. „Was trinken gehen“ – das klingt fast nach Date. Ist es eins? Ich weiß es nicht, immerhin hatte ich noch nie ein Date. Mit wem auch? Vielleicht ist es auch nur Mitleid. Oder Höflichkeit, weil sie nicht will, dass jetzt jeder einfach allein nach Hause geht. Ich habe keine Ahnung. Dann hoffe ich, dass sie was sagen möge, damit sich meine Gedanken nicht die ganze Zeit im Kreis drehen.

»Und, was hab‘ ich so verpasst, während ich in Down Under war?«, fragt sie nach einigen Minuten beiläufig. Ich zucke die Schultern.

»Nicht viel, soweit ich weiß. Keine Ahnung, wer mit wem zusammen war oder Schluss gemacht hat oder sowas … Dafür interessier‘ ich mich nicht.«

»Gott sei Dank«, murmelt sie. Ich riskiere einen kurzen Seitenblick. Sie lächelt, sieht aber weiter auf den Boden vor ihren Füßen.

»Oh, und Herr Kuhfeldt ist in Pension gegangen«, fällt mir plötzlich ein. Keine Ahnung, ob sie das schon weiß.

»Echt? Schade, ich mochte ihn.«

Ich nicke und realisiere eine Sekunde zu spät, dass sie das ja gar nicht sehen kann. »Ja, ich auch«, füge ich also hinzu. Sie wusste es noch nicht. Ich bin ein bisschen stolz, ihr wenigstens überhaupt was Neues erzählen zu können.

Wieder das Schweigen.

»Wie war’s eigentlich so in Australien?«

Tina seufzt. »Spannend, vor allem das Land und die Leute. Gelernt, also in der Schule, habe ich nicht viel, aber deshalb bin ich ja jetzt auch hier, um mein Abi zu machen. Ich will auf jeden Fall nochmal zurück, in ein paar Jahren«, erzählt sie. »Sind wir bald da?«, fragt sie dann. Höre ich Ungeduld in ihrer Stimme?

»Perfektes Timing«, erkläre ich überlegen und bleibe stehen. »Hier geht’s rein!« Ich halte ihr die Tür zum Krug auf. Wie ein echter Gentleman.

»Danke«, murmelt sie und betritt die dunkle Kneipe. Ich folge ihr schnell. Es ist nicht besonders voll, ein paar junge Leute stehen am Kicker in der Ecke und einige ältere Herren spielen an der Theke Karten, jeder mit einem Bier vor sich. Der Wirt grüßt uns nickend.

»Hier entlang«, murmle ich und lege ihr leicht die Hand auf die Schulter, um sie zu dirigieren. Der Stoff ihrer Bluse ist weich. Er fühlt sich angenehm an. Ich bugsiere sie sanft nach rechts, wo ein paar Tische stehen. Hier ist mein Lieblingstisch. Meine Freunde und ich sitzen manchmal hier zusammen, hier fühle ich mich wohl und bin ich selbst. Nicht zuletzt deshalb hatte ich den Krug ausgewählt. Um zurück in meine Komfortzone zu kommen und die Anspannung loszuwerden.